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Gute Texte schreiben: Warum der Faktor Mensch die Google-Tipps übertrifft

Eine Frau arbeitet an einem Laptop

Geheimnis gelüftet: Die Formel für gutes Schreiben lautet SPO. Das habe ich an anderer Stelle vollmundig erklärt. SPO steht für die Satzbauregel „Subjekt, Prädikat, Objekt“. Dieser Regel zu folgen ist kinderleicht, bestätigen Fachleute. Aber gibt es überhaupt das eine Erfolgsrezept für gute Texte? Eine Recherche im Internet.

Dort scheint das Rüstzeug für die erfolgreiche Autorenschaft nur einen Klick entfernt zu sein. Wer bei Google die Wortkombination „Gute Texte schreiben“ (mit An- und Abführungszeichen als Suchoperatoren) eingibt, landet ungefähr 18.000 Treffer. Die Top-10-Treffer geben ausführliche 51 Schreib-Tipps oder kommen mit gerade einmal fünf Regeln aus. Lässt sich also ein kreativer Akt wie das Schreiben tatsächlich auf eine Handvoll Regeln reduzieren? Mit diesem Thema beschäftigen sich nicht nur Kommunikations-Fachleute in Online-Ratgebern, sondern auch Forschende aus Sprachwissenschaft und Digitalwirtschaft.

Wer bei Google auf den vorderen Rängen liegt, wird gelesen

In mindestens einem Punkt sind die Autorinnen und Autoren der Schreib-Tipps, die es bei Google auf die vordersten Ränge geschafft haben, sehr erfolgreich: Ihre Beiträge werden im Internet eher gefunden und gelesen als andere. In dieser Hinsicht haben sie gelungene Beiträge darüber verfasst, wie gute Texte geschrieben werden.

Einen Konsens über die richtigen Kriterien dafür gibt es jedoch nicht. Von den „5 wichtigsten Schreib-Tipps“ des einen Beitrags findet sich nur ein einziger Ratschlag in der langen Tipp-Liste mit 51 Regeln wieder.

Keine Schreib-Regel ist ohne Widerspruch

Aber auch zu gängigen Regeln ist die gegenteilige Behauptung nicht weit:

  • Das Wichtigste zuerst. Demnach steht die Kernaussage an der Spitze. Je unwichtiger eine Information ist, desto weiter rutscht sie ans Ende. Diese Regel wird auch Pyramidenmodell genannt. Sie gilt im Journalismus und hier ganz sicher für Meldungen und Nachrichten. Und auch PR-Verantwortliche wissen: Pressemitteilungen sollten gleich auf den Punkt kommen. Sonst drohen sie in den Redaktionen durch den Rost zu fallen. Aber: Die Regel, wonach das Wichtigste am Anfang steht, ist kein Gesetz für alle Textformen. Manches Lesestück braucht einen Spannungsbogen, am Ende eines Meinungsartikels möchte eine überzeugende Schlussfolgerung stehen, und eine Glosse hat bestenfalls eine Pointe am Ende.
  • Die optimale Satzlänge ist limitiert. Ein Tipp-Geber verweist ohne Quellenangabe auf die Wissenschaft: „Sprachforscher haben herausgefunden, dass Menschen nach sieben Wörtern wieder anfangen, die ersten zu vergessen.“ Maximal 14 Wörter empfiehlt ein anderer Profi-Tipper. Besser seien zwölf. Und ein weiterer Branchenkollege widerspricht ausdrücklich einer These, dass kein Satz mehr als 13 Wörter enthalten solle: „Profis machen es anders: Sie spielen mit der Satzlänge, um ihren Texten Dynamik zu geben, Spannung aufzubauen, einen Höhepunkt zu inszenieren oder Aufmerksamkeit zu bündeln.“
  • Fremdwörter vermeiden. Ein häufiger Rat ist, Fremdwörter sparsam einzusetzen. Am besten gar nicht. Aber auch diese Regel beherzigen nicht alle Kommunikationsfachleute. So lautet eine Empfehlung aus vorderster Google-Reihe ganz direkt: „Was ich dir als allererstes mitgeben möchte, um gute Texte schreiben zu können, ist: ’Keep it short and sweet and simple!‘“ Das mag ein guter Tipp sein. Falls du Englisch sprichst.

SPO: Meine ganz persönliche Schreib-Krücke

Zweifel könnte auch mein eingangs erwähnter, ganz persönlicher Favorit wecken:

  • Subjekt, Prädikat, Objekt (SPO). Dies sei „eine Formel, die hierzulande allen Grundschülerinnen und Grundschülern bekannt ist (oder jedenfalls sein sollte)“, sagt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Die Formel bezeichne die Grundabfolge von Satzgliedern im deutschen Aussagesatz wie bei „Peter (Subjekt) streichelt (Prädikat) den Hund (Objekt)“. So weit, so gut. Die GfdS fügt aber einschränkend hinzu: Einen ganzen Text nach diesem Muster „wollte indes wohl niemand lesen. Es ist grammatisch korrekt, aber ungeheuer monoton.“ Wer würde der führenden Sprachberatung Deutschlands widersprechen wollen? Ich nicht. Aber SPO bleibt meine individuelle Krücke, die mich beim Schreiben erinnert: Auch was schwer sein mag, möchte leicht daherkommen. Einfache Sätze machen Texte verständlicher.

HIX! Jeder kann Klartext schreiben

Die Suche nach Einfachheit und Verständlichkeit führt auf den richtigen Weg. So macht die Universität Hohenheim Verständlichkeit zur zentralen Richtschnur guter Wortbeiträge. Die Uni im Süden Stuttgarts ist bekannt dafür, dass sie Reden von Vorstandsvorsitzenden auf Hauptversammlungen analysiert. Sie hat HIX entwickelt, den Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Den HIX ermittelt ganz nüchtern eine spezielle Verständlichkeits-Software.

Und siehe da, aus Hohenheim kommen fünf „Klartext-Regeln“, „die sich jeder merken kann“:

  • Vermeiden Sie unnötig lange und komplizierte Sätze.
  • Vermeiden Sie unnötig lange, schwere und seltene Wörter.
  • Vermeiden Sie Passiv- und Nominalstil.
  • Vermeiden Sie unnötige Detailinformationen.
  • Führen Sie den Leser durch eine klare Struktur und einheitliche Wortwahl.

Der mit diesen fünf Basisregeln verbundene Anspruch lautet selbstbewusst: „Klartext schreiben kann jeder.“

Da hat sich die Recherche ja gelohnt. Jeder gute Text beherzigt Klartext-Regeln. Aber ist umgekehrt jeder Text, der den Klartext-Regeln folgt, automatisch ein guter Text? Wohl kaum.

Wo bleibt die Freude an der Sprache?

Denn es kommt zum einen auf den Inhalt an, wie auch die Hohenheimer Hochschule einräumt. So wird zum Beispiel ein sprachlich perfekter Beitrag für eine wissenschaftliche Publikation, der voller Faktenfehler steckt, nicht als gut durchgehen.

Zum anderen ist ein guter Text mehr als die Summe verständlicher Sätze. Sein Geist entfaltet sich jenseits der Zeilen, bestenfalls im Kopf der Lesenden oder Hörenden. Kriterien wie Emotion und Empathie, Tonalität und Rhythmus sind in den Schreib-Tipp-Listen, die es bei Google ganz nach vorne geschafft haben, deutlich unterrepräsentiert. Das könnte daran liegen, dass eine Suchmaschine die Vorauswahl trifft.

Einfachheit und Verständlichkeit befreien komplexe Themen von Ballast. Aber erst ein zutiefst menschlicher Faktor lässt sie fliegen. Es ist die Freude an der Sprache.